Die Technik, die unsere ganz Kleinen sanft schaukelt...  
 
 

Übersicht
Baby-Notarztwagen ReutlingenÄußerlich ist der Baby-Notarztwagen ein fast gewöhnlicher Kleinbus, im Inneren unterscheidet er sich jedoch wesentlich von anderen Rettungsfahrzeugen. Medizinisches Herzstück ist ein Transportinkubator, eine Art transportabler Brutkasten, in den die Babys während der Fahrt gelegt werden, um unter anderem die Körpertemperatur konstant zu halten und um die Frühgeborenen vor Erschütterungen zu schützen. Und auch ansonsten sind sämtliche Spezialgeräte in dem Wagen für Infusionen, Atem- und Kreislaufüberwachung sowie Sauerstoffflaschen auf die zierlichen Körper der Kleinen abgestimmt.



Fahrzeug
VW T5 Baby-NAWDer Reutlinger Baby-Notarztwagen basiert auf einem Volkswagen Bus T 5 Kombi mit Mittelhochdach und ist ausgestattet mit einem 2,5 l TDI® -Motor (6-Gang-Getriebe) mit 96 kW. Diese Motorisierung ermöglicht ein zügiges Vorankommen. Hinzu kommt das übliche Sicherheitspaket mit ABS, ASR, usw., sodass auf den zum Teil sehr langen Strecken, auf denen mit Sonderrecht gefahren werden muss, auch nichts passiert.
Das Fahrzeug besitzt weiterhin einen Fahrtenschreiber, Klimaanlage, Radio mit Zusatzlautsprecher und Regler im Patientenraum, Funk mit FMS-Hörer, entsprechendes Kartenmaterial, Mobiltelefon und Freisprecheinrichtung in dem alle wichtigen Telefonnummern der Kliniken, Oberärzte, Stationen, etc gespeichert sind. Für den störungsfreien Betrieb des Tragetisches sind weiterhin zwei Kotrollleuchten angebracht, die dem Fahrer Hinweise auf entsprechendes Ausschlagen des Tragetisches anzeigen.
Ein Navigationsgerät wird in Kürze eingebaut.
Als Signalanlage wird ein TOPas Doppelblitz-LICHTBALKEN (Pintsch Bamag) verwendet, welcher bereits im Blaulichtbalken einen LED-Hochleistungsfrontblitz (K-FS 1) eingebaut hat. Weiter befindet sich auf dem Kühlergrill eine Frontsignalanlage in Doppelblitztechnik.
Dieses Fahrzeug hat sich tatsächlich auch bewährt. Leicht erhöhte Sitzposition gegenüber PKWs bietet eine angenehme Umsicht, trotzdem ist das Fahrzeug nicht so groß wie ein größerer Transporter. Die Version „Mittelhochdach“ bietet ausreichende Höhe beim Sitzen, aber auch bei z.B. der Versorgung von Patienten auf der Versorgungseinheit.

Fahrzeug-Design
Ein besonderes Fahrzeug braucht ein besonders Design. Das war von vorne rein klar, sollte doch auch die gemeinsame Aktion auf dem Fahrzeug kenntlich gemacht werden, aber auch ganz besonders die spezielle Aufgabe des Fahrzeugs zur Geltung kommen.
Grundlage bildete das Design der DRK-Rettungsdienstflotte, wurde jedoch stark verändert.
Das Symbol aller Baby-Notarztwagen ist der Storch. Zwar ist ein Baby-Notarztwagen kein Storchenwagen im Sinne eines Geburtshilfewagens, dem ja eigentlich ein Storch zusteht – trotzdem hat sich diese Symbolik durchgesetzt. Anfangs wurden verschiedene Entwürfe, auch mit Teddybären, skizziert, der Storch hat sich dann aber doch durchgesetzt.
Entgegen den meisten Baby-Notarztwagen, auf denen der Storch auf Fenstergröße aufgebracht ist, sollte unser Storch so groß wie möglich erscheinen. Somit verziert er nun die komplette Seite und ist über dies auch noch reflektierend. Sollten Sie also nachts mal einem tieffliegenden Storch begegnen – es war bestimmt der Baby-Notarztwagen im Einsatz…
Baby-NAW hintenNeben dem großen Storch und der Beschriftung „Baby Notarzt“ findet sich die Internetadresse des Fahrzeuges, sowie der Hinweis auf die Träger DRK und Kinderklinik Reutlingen. Auf dem Fahrzeug Heck ist zusätzlich das Logo der Kinderklinik, ein Skater, angebracht.
Bei der Umsetzung unserer Vorlagen haben wir in der Firma Schöpfer/Reutlingen einen hervorragenden Partner gefunden. Mit großem Interesse an unserem Projekt stand uns die Geschäftsführerin Frau Bröcker mit ihrem Team zur Seite und hat letztendlich nicht nur völlig kostenfrei, sondern auch in Rekordszeit das Fahrzeug beklebt.

Ausstattung/Ausbau
InnenansichtEntsprechend unseren Wünschen wurde der Tragetisch mit Inkubator quer zur Fahrtrichtung direkt hinter die Trennwand, also ziemlich genau zwischen Achsen montiert, da an dieser Stelle im Fahrzeug die geringsten physikalischen Kräfte wirken.
Der Quereinbau hat noch weitere Vorteile: Nicht nur dass die Begleiter adäquat das Kind betreuen können, der Quereinbau ändert auch die auf das Kind wirkenden Kräfte während der Fahrt. Hierzu wurden Untersuchungen und Meinungen von verschiedenen Experten (Charité Berlin, Kinderklinik auf der Bult Hannover, Olgahospital Stuttgart, Stanford University) herangezogen.
Problem bei dem Einbau ist, dass für den Quereinbau eine verkürzte Trage benötigt wird. Leider gibt es zu diesem Zeitpunkt kein entsprechendes Produkt. Eine Herstellung wurde von den meisten Firmen abgelehnt, da die Entwicklungskosten und Kosten für diverse Tests unverhältnismäßig waren.
Die Hersteller des Tragtisches haben zunächst einen Hubwagen für den Inkubator zur Verfügung gestellt, welcher sich mit dem Inkubator in der Kinderklinik befindet. In den entsprechenden Zielkrankenhäusern muss derzeit aber immer noch ein herkömmliches Tragegestell genutzt werden.
Davor sind die beiden Begleitersitze, sodass Schwester und Arzt den Inkubator unmittelbar vor sich haben und auch während der Fahrt bequem daran arbeiten können. Unter den Sitzen befinden sich in Schubladen die Utensilien die auch während der Fahrt benötigt werden (Schnuller, Windeln, Sauerstoffbrillen, Messsonden.... ). Zwischen den Sitzen befindet sich ein Durchgang in den hinteren Bereich des Fahrzeuges. Über dem Inkubator sind die Halterungen für Perfusoren, sowie die Gas- und Stromanschlüsse angebracht. An der Wand neben dem Begleitersitz befindet sich zum einen eine Tragbare Absaugpumpe, sowie eine Fach für die Protokolle und Klemmmappe mit den Notarztprotokollen, Aufnahmepapieren usw..
Im Heck des Fahrzeuges befinden sich zum einen der Gasvorrat und die Versorgungseinheit. In einem Schrank werden 2 x 5 l med. Sauerstoff und 2 x 5 l Druckluft mitgeführt. Direkt darüber ist das Wäschefach mit verschiedenen Tüchern und dem obligatorischen Stoffteddybären.

VersorgungseinheitDie Versorgungseinheit besteht aus einem Schränkchen auf dem sich eine Wickelauflage befindet. Sie ist gedacht um die kleinen Patienten fachgerecht zu versorgen und transportfähig zu machen. Deswegen befinden sich direkt darüber Anschlüsse für Strom, Sauerstoff usw. In den darunterliegenden Schubladen befinden sich alle Gegenstände die zur Versorgung benötigt werden, wie z.B. Laryngoskop, Nabelvenenkatheter, Venenverweilkanülen, Blutentnahmesets usw.
Standardmäßig wird zudem spezieller Neugeborenen-Notfallkoffer mitgeführt, sowie ein Erwachsenen-Notfallkoffer.


Tragetisch
TragetischDer Tragetisch gehört zum Herzstück des Fahrzeuges, ist er doch für den erschütterungsfreien Transport verantwortlich.
Bisher wurden die kleinen Patienten im Inkubator mit einem herkömmlichen Rettungswagen transportiert.
Untersuchungen haben ergeben, dass sich mit besonderen Federsystemen und besonders mit einem Quereinbau des Inkubators, da durch veränderten Kräften besonders bei Brems- und Beschleunigungsvorgängen , die Gefahr einer Hirnblutung bei den Früh- und Neugeborenen um bis zu 30% gesenkt werden kann. Die Gefahr ist besonders in dieser Altersgruppe so enorm, da hier die feinen Hirngefäße noch nicht den Beschleunigungskräften gewachsen sind und es somit schlimmstenfalls zu Zerreißungen kommen kann.

Dieses Problem hat Siegfried Steiger, Präsident der Björn-Steiger-Stiftung, bereits in den 90er Jahren erkannt und nach Verbesserungen gesucht.
Unebenheiten, Baustellen und Schlaglöcher – um nur einige wenige Probleme zu nennen, gefährden die Gesundheit der Babys.

Gefunden hatte Siegfried Steiger die Verbesserungen in der Militärtechnik: die Stabilisierungssysteme des Leopard 2 Kampfpanzers diente als Vorbild, da die Kanone auch bei Fahrt immer auf das Ziel ausgerichtet bleibt.
Entwicklungskosten von ca. 80.000 € mussten ausgegeben werden, da an die Pläne des Stabilisierungssystems nicht ranzukommen war.
EpplerZusammen mit der Reutlinger Firma Eppler wurde dann die Idee in die Tat umgesetzt und ein Rettungsdienst-tauglicher „aktiver Tragetisch“ konstruiert. So konnte der erste Tragetisch Januar 2004 in den Stuttgarter Baby-Notarztwagen, eine Aktion vom DRK Stuttgart und der Steiger-Stiftung, eingebaut werden.

Feder-SystemAus physikalischer Sicht bedürfen diese Transporte sehr aufwendige schwingungstechnische Systeme, die aus einem Kompromiss aus Fahrdynamik und Schwingungskomfort beruhen. Bei diesem „aktiven Tragetisch“ wird der übliche Schwingungsdämpfer durch einen prozessorgesteuerten Aktuator ersetzt, welcher über einen Sensor immer den Schwingungen des Fahrzeugbodens entgegen wirkt. So wird damit ständig über eine Luftfederung den Unebenheiten entgegengewirkt, in dem folgenden Diagramm ist der aktive Tragetisch mit einem herkömmlichen System verglichen worden. Daran ist das Isolationsverhalten gegenüber Schwingungen gezeigt, was letztendlich für den Komfort ausschlaggebend ist.
Beispielsweise senkt das aktive System bei 12 Hz die Schwingungen des Fahrzeugbodens um ein Dreißigstel, ein herkömmliches System würde die Schwingungen nur im die Hälfte reduzieren.
Tatsächlich fängt der Tragetisch die überwiegenden Stöße ab, und schwingt sanft. Es hat jedoch einige Feineinstellungen bedurft, da der Tisch bei entsprechenden Schwingungen sich „aufgeschaukelt“ hat und bei einem erneuten Stoß an die Begrenzung gestoßen ist. Inzwischen funktioniert das System bis zu einer Geschwindigkeit von 90 km/h nahezu perfekt.

Für die Säuglinge ist es ausgesprochen wichtig, dass der so genannte K-Wert (Komfort-Wert), besonders hoch ist. Das heißt, die Erschütterungen sollen so gering wie nur möglich gehalten werden. Deshalb ist der Inkubator auf einem Tragetisch quer zur Fahrtrichtung in der Mitte zwischen beiden Achsen eingebaut. So wird sichergestellt, dass der winzig kleine Patient möglichst schonend transportiert wird - da an dieser Stelle im Fahrzeug die geringsten physikalischen Kräfte wirken und quer zur Fahrtrichtung die Scheerkräfte auf die Kopfblutgefäße deutlich geringer ausfallen. Zusätzlich ist der Tragetisch für den Transportinkubator speziell gefedert und auf das Gewicht des Neugeborenen ausgelegt. Die Federung und Dämpfung bewirken, dass die Erschütterungen durch den zunehmend schlechter werdenden Straßenzustand deutlich verringert werden - und somit Hirnblutungen weitgehend vermieden werden können.
Durch die Anordnung der Betreuersitze haben der Kinder-Notarzt sowie die Kinderkrankenschwester den kleinen Patienten und die medizinischen Geräte ständig im Blick wodurch eine lückenlose Überwachung des Zustands des kleinen Patienten sichergestellt ist.



Tragegestell
Das Tragegestell hat uns einiges an Kopf zerbrechen bereitet. Die normalen Tragengestelle sind für herkömmliche Rettungsmittel geeignet - nicht aber für einen Quereinschub in einem VW T5.
So konnte sich auch kein Hersteller damit anfreunden ein geeignetes Modell zu produzieren bzw. ein bestehendes Modell umzubauen. Zu groß waren die Bedenken. Dies hatte zur Folge dass der Inkubator auf seinem Schlitten eingeladen wurde, in jeder Zielklinik musste jedoch ein entsprechender fahrbarer Untersatz gesucht werden...
ParavanDie Firma Paravan, welche die Baby-Notarztwagen-Aktion von Anfang an auch finanziell begleitet hat, konnte Dank ihrer innovativen und individuellen Produktpalette auch uns helfen. Sie fertigten für uns das Tragegestell auf dem schlussendlich der Inkubator mit seinem Equipment sitzt. Nun kann, wie bei herkömmlichen Tragen, der Inkubator mit eigenem Fahrgestell schnell und sicher be- und entladen werden.


Inkubator und Monitor etc.
Auf dem Tragengestell ist neben dem EKG, dem Perfusor und der Absaugpumpe als zentraler Part der Inkubator installiert. Der Innenraum des Inkubators wird ständig auf einer Temperatur von ca. 35°C gehalten, so dass das Fahrzeug immer sofort einsatzbereit ist. Durch spezielle Eingriffe kann auch während geschlossener Hauptklappe an dem Kind gearbeitet werden, ohne dass die kostbare Wärme verloren geht. Über den Überwachungsmonitor lassen sich kontinuierlich EKG (Herzstromlinie), Blutdruck und Blutsauerstoffsättigung ablesen. Beim Überschreiten von voreingestellten kritischen Werten gibt das Gerät selbständig Alarm, so dass das Team jederzeit schnell reagieren kann. Ein Neugeborenenbeatmungsgerät ist in der Lage auch während der Fahrt die winzige Lunge mit Sauerstoff zu versorgen und komplett die Atemarbeit bei sehr kranken Kindern zu übernehmen. Normale Intensivbeatmungsgeräte sind hierfür nicht geeignet, da sich die Beschaffenheit und die Physiologie einer Frühgeborenenlunge erheblich von der eines Erwachsenen unterscheidet.
Da die Menge der abgegebenen Medikamente und Infusioen exakt auf das Körpergewicht abgestimmt werden muss, werden diese über Präzisionsspritzenpumpen, die im hinteren Bereich des Inkubators angebracht sind verabreicht. Zusätzliche Spritzenpumpen können während der Fahrt im Fahrzeug an einer passenden Aufnahmeschiene befestigt werden.
Ein zusätzlicher aufladbarer Akku und zwei Druckgasflaschen gewährleisten auch außerhalb des Fahrzeuges die Sauerstoff/Druckluft- bzw. Strom-Versorgung des Transportinkubators.

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